Der Name

Der Familienname ist russisch.

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GroßansichtDas Lunin-Haus
Dom Lunina von 1818/22
am Nikitskij Bulwar in Moskau

Schon Casanova berichtet in seinen Memoiren von einem schamlosen Petersburger Techtelmechtel 1765 mit dem lasziven jungen Leutnant Pjotr Michailowitsch Lunin, »hübsch wie ein als Mann verkleidetes Mädchen« und promiske Liebschaft eines Kabinettsekretärs bei Katharina der Großen, später General bei den nächsten Zaren (wie auch sein Bruder), Vater einer begnadeten Sopranistin und nach dem Siege über Napoleon der musische Bauherr eines pompösen Stadtpalastes in Moskau, des sogenannten Lunin-Hauses, das heute das Museum für Kunst der Orientalischen Völker beherbergt;

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GroßansichtMichail Sergejewitsch Lunin
als zaristischer Rittmeister
(nach einem Porträt von
Sokolow [um 1821] im
Dekabristen-Museum Moskau)

auch der jüngere Michail Sergejewitsch Lunin (1787-1845) aus Sankt Petersburg, Freund Alexander Puschkins und Neffe, auch Zögling eines sonderlich gebildeten Stellvertretenden Bildungsministers, war hoher Offizier im Kriege gegen Napoleon und Veteran der Schlachten von Austerlitz, Preußisch Eylau und Leipzig, hiernach Publizist in Paris und nach einer Englandreise Mitglied im Wohlfahrtsbunde der Dekabristen, jener rebellischen Gruppierung gebildeter Elite-Offiziere in St. Petersburg, die dort 1825 gegen Absolutismus, Leibeigenschaft, Polizeistaat und Zensur in Rußland putschten, doch mit diesem ersten Versuch einer neuzeitlich freiheitlichen Revolution im Zarenreich heillos scheiterten. In elitärem Selbstbewußtsein stellte sich Michail Sergejewitsch seinen Verfolgern und wurde wegen nachweislich geplanten Zarenmordes als »Verurteilter der zweiten Kategorie« zum Auflegen seines Kopfes auf das Schafott, nach diesem »bürgerlichen Tode« anschließend zu lebenslänglicher, dann zwanzigjähriger Zwangsarbeit begnadigt, aus der er nach einem Festungs-Jahrzehnt in Sankt Petersburg, Finnland und Karelien 1836 amnestiert wurde. Nahe dem Dekabristen-Zentrum Irkutsk ließ er sich ungebrochen als Autor wiederum oppositioneller Texte nieder, wurde 1841 erneut verhaftet und unter Entzug aller Standes-, Familien- und Eigentumsrechte zur Höchststrafe der Katorga mit Zwangsarbeit in den Blei- und Silberminen des ostsibirischen Akatui-Gebirges verurteilt, wo er fast 68jährig starb;

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GroßansichtDr. Nikolai Lunin,
russisch signiertes
Porträtfoto von 1882

der russischstämmige Mediziner und Biochemiker Nikolai Lunin, schon im baltischen Dorpat (heute Tartu) 1853 geboren und 1880 dort mit einer deutschsprachigen Dissertation "Über die Bedeutung der anorganischen Salze für die Ernährung des Thieres" von der Hochverordneten medicinischen Facultät der Kaiserlich (russischen) Universität promoviert, war seit 1881 bahnbrechender Pionier der Vitaminforschung. Noch sein britischer Kollege Sir Frederick G. Hopkins bezog sich 1929 bei der Stockholmer Entgegennahme des Nobelpreises in Physiologie oder Medizin für seine Entdeckung wachstumsfördernder Vitamine in seiner Dankesrede auf diesen lange übersehenen oder verkannten, aber entscheidenden Wegbereiter und Vorkämpfer Lunin: habe der doch schon vor einem halben Jahrhundert durch Versuche nachgewiesen, daß "a natural food must contain small quantities of unknown substances essential to life"; diese Feststellung "seems to contain the essentials of what is believed today". Genealogisch, physiognomisch und sprachlich scheint Nikolai Lunin die Brücke vom russischen zum (balten-) deutschen Familienzweige (schon ohne russisch obligaten Vatersnamen) geschlagen zu haben. Aber nach einem Leben als Kinderarzt starb er 1937 in Leningrad: grade noch rechtzeitig vor der gnadenlosen Belagerung durch Nazi-Deutschland;

just damals profilierte sich dort der russische Familienzweig mit je einem Historiker, einem Chemiker und zwei Namensvettern:

Nikolai Alexandrowitsch Lunin (1915-1968) als Pionier des sowjetischen Eisenbahnwesens und Erfinder des dreieckig roten ”Lunin-Wimpels“ nur für Lokomotiven mit der Aufschrift ”Lok in persönlicher Pflege“, aber auch als Mitglied des Obersten Sowjets

und

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GroßansichtAdmiral Lunin,
Gedenkmarke 2007

Nikolai Alexandrowitsch Lunin (1907-1970) als ukrainischer Konteradmiral der Sowjetischen Marine, der im Zweiten Weltkrieg ein legendärer U-Boot-Kapitän im Nordpolarmeer war, dort viele nazideutsche Frachter versenkte, 1942 Hitlers Parade-Schlachtschiff ”Tirpitz“ torpedierte, seinen Namen später vielen Straßen in russischen Städten, gar einer Schule im arktischen Murmansk und 1965 in Odessa einem ukrainischen Passierdampfer lieh: "Admiral Lunin"; zu seinem 100. Geburtstag erschien 2007 sein Porträt sogar auf einer russischen Briefmarke:

sie beide waren Helden der Sowjetunion, mehrfach Träger des Lenin-Ordens und anderer höchster Auszeichnungen der Sowjetunion;

doch im weißrussisch südwestlichen Bezirk Brest (-Litowsk) trägt die älteste Siedlung, die dort 1432 erstmals urkundlich erwähnt wurde, heute noch diesen Ortsnamen: Lunin. Vielleicht sind ja alle überlebenden Lunins samt der schweizerischen Immigranten-Sippschaft dieses Namens ursprünglich dort zu Hause: im weißrussischen Dörfchen Lunin, mehr als sechshundert Jahre alt, wer weiß das noch genau …

aber von jener noch sehr viel entfernteren Grenze irgendwo zwischen Geschichte und Legende funkelt auch der Stern eines noch exotischeren Tatarenoffiziers dieses selben Namens herüber:

der Hintergrund ist also väterlicherseits durchaus migrant.