Die Kindheit und Jugend

Selbst im estnischen Tartu, für den Chauvinismus einer nostalgischen Oberschicht damals immer noch die deutsche Universitätsstadt Dorpat, als Sohn einer Hauslehrerin (mit Moskauer Examen, dann deutscher Auslandspraxis) und eines Gymnasiallehrers (für Deutsch, Latein und Geschichte) geboren,

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Großansicht im estnischen Elwa
ist Hanno Lunin der Enkel

eines russischstämmigen Fabrikanten aus Riga (aber mit Petersburger Sippe),

eines dänischstämmigen Geistlichen (aus protestantischer Pastorendynastie mit Wurzeln in Eiderstedt und Eckernförde), der auf einer Reise in sein Heiliges Land um 1900 in Bethlehem und Jericho die literarisch verewigte Sympathie ausgerechnet des jüdischen Theaterkritikers Alfred Kerr eroberte: zwar als exotisch »livländischer Pastor«, aber in vorauseilendem Austausch von Kanzel und Bühne »unter einem fernen Sykomorenbaum beim Toten Meer« gleichwohl als »guter Kumpan« und »anheimelnd-behaglicher Gesell« jenes sonst meist gnadenlosen Verurteilers aus Berlin (»Ein lang im Erinnern haftender Abend«, »manches gute Gespräch«),

Enkel aber auch zweier Großmütter von »niederem« Adel: einer poetisch talentierten aus preußischer, einer westfälischen aus der väterlichen Sippschaft.

Erst im Baltikum, dann in heutigem Polen, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen heranwachsend, hätte schon der Fünfjährige jedem Kenner, so er zur Stelle gewesen wäre, seine literarische Disposition verraten, als er im Bahnhof von Stettin eine just passierende Speditionsfirma Ziegenbein nicht etwa wegen dieses Namens belachte wie mancher andere ringsum, sondern sie wegen eines falschen Reims in ihrem Werbeslogan beanstandete —

»Mit Ziegenbein
ins neue Heim«:

M sei nicht N, also klinge das falsch. Aber niemand gab ihm da Recht, es verpuffte.

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Großansichtim polnischen Rawicz

Damals also noch unbeachtet, entdeckte er literarische Gelüste dennoch früh genug, um zehnjährig seiner Mutter eine ganze Kladde infantiler Gedichte zum Geburtstag zu überreichen.

Als Gymnasiast in den Kleinstädten Rawicz, Delitzsch, Wipperfürth und Marl begann er früh, diese poetischen Impulse mit theatralischen Exhibitionen zu kombinieren:

schon als Untersekundaner in selbsterdachten, selbst zusammengebastelten »Elternabenden« seiner Schulklasse oder »Bunten Abenden« mit diversen eigenen Auftritten, vornehmlich als Balladen-Rezitator und Moderator,

13jährig mit dem kleinen Einakter »Der Sommergast« in Versen und mehreren Dialekten aus eigener Feder, in eigener Regie und mit einer Hauptrolle für den Autor,

16jährig mit der Darstellung der Titelrolle des »Verlorenen Sohnes« von André Gide und in Rilkes Deutsch auf der Bühne seines Marler Schultheaters

und 17jährig mit einem selbstverfaßten, -inszenierten und -gespielten Politischen Kabarett mit Satiren auf die junge Bundesrepublik.

Aber da hatte der 16jährige mit seinen ersten prägenden Theatereindrücken bei den jungen Ruhrfestspielen im nahen Recklinghausen, dort

mit Werken von Kafka und Büchner, Mozart und Verdi oder Shakespeare und Schiller und mit so theatergeschichtlichen Protagonisten wie Horst Caspar, Gustaf Gründgens, Peter Anders, Werner Krauß und anderen seine ersten brauchbaren Maßstäbe zu sammeln begonnen,

so daß er 17jährig eine kecke briefliche Anfrage bei keinem Geringeren als Gustaf Gründgens riskierte: wie man zum Theater gelange. Gründgens ließ ihn das sogar wissen,

und der 18jährige stellte sich folgsam einer Eignungsprüfung für den Schauspielerberuf vor einer Jury der Düsseldorfer Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger (Leitung: Gerda Maurus).